Ich will leben

Ihr werdet in diesem Artikel vergeblich nach dem allgegenwärtigen C-Wort suchen, denn es hat im letzten Jahr und leider auch schon wieder im neuen Jahr viel zu viel Aufmerksamkeit bekommen. Mir reicht’s! Ich will leben und dazu gehört auch sterben. Lieber sterbe ich «jung», aber mit einem selbstbestimmten und erfüllten Leben, als dass ich jemals ein JA zu diesen fragwürdigen Massnahmen geben werde, die seit Monaten verhängt werden. Sie werden uns regelrecht aufgezwungen und das Volk macht brav mit.

Leben wird nicht gemessen an der Zahl von Atemzügen, die wir nehmen; sondern an den Momenten, die uns den Atem nehmen.
Maya Angelou

Als vor ein paar Wochen auch eine mir nahestehende Person mit 4-fachem Risiko am Virus erkrankte, rechnete ich mit dem Schlimmsten. Erfreulicherweise verlief die Krankheit aber auch da sehr mild. Seitdem blinken bei mir noch mehr Fragezeichen als zuvor, denn Tatsache ist, dass der Virus für die meisten Menschen keine grosse Bedrohung ist. Trotzdem wird seit einem Jahr viel Aufhebens drum gemacht und noch mehr Angst geschürt. Während alle «dieses eine Prozent» zu schützen versuchen, was übrigens unmöglich ist, weil auch Götter in Weiss den Tod, wenn er dann kommt, nicht verhindern können, wird so momentan viel mehr Kummer und Leid über die Bevölkerung gebracht, als ich es je für möglich gehalten hätte. Es ist leider nichts Neues: Geld regiert die Welt und das überall. Sogar ein Spital muss gewinnbringend geführt werden und ist heutzutage in erster Linie nicht mehr als reines Hilfswerk gedacht. Unglaublich, wie ein Virus von allem Übel ablenken kann und zum Übeltäter für alles gemacht wird. Da fällt mir schlichtweg nur ein Wort ein: Wahnsinn!

Eine liebe Familie, eine erfüllte Paarbeziehung, gute Freunde, spannende Hobbies sind das Nonplusultra im Leben eines jeden. Der Mensch braucht soziale Kontakte und neben der Arbeit auch noch ein bisschen Spass. Die Politik aber versucht seit vielen Monaten genau dies zu unterbinden, doch es wird ihr niemals gänzlich gelingen. Für mich geht das in Richtung naives, ja kindliches Denken. Überhaupt passieren viele Dinge, die komplett unsinnig sind und doch werden sie gebilligt. Es geht uns noch zu gut, ist ja auch schön zu wissen. Nur: Wie lange noch? Das möchte ich lieber nicht wissen… Erst wenn wir nichts mehr haben, haben wir auch nichts mehr zu verlieren. Müssen wir es denn wirklich soweit kommen lassen?

Vielleicht kennt Ihr den weltbekannten Film «Ist das Leben nicht schön?». Meine Familie und ich schauen diesen Klassiker jedes Jahr. George, so heisst der Protagonist, hat ein grosses Problem, und Ihr werdet es nicht glauben, aber es ging damals, im Jahr 1946 in welchem der Film spielt, schon ums Geld! Jedenfalls ist George tot mehr wert als lebendig, denn er besitzt eine Lebenspolice, die bei seinem Tod viel Geld einbringen würde. In seiner Not weiss er leider nichts Besseres, als sich das Leben zu nehmen. Bevor dies aber geschieht, kommt ihm ein Engel zur Rettung und ermöglicht George die Sicht auf ein Leben ohne ihn. Als er begreift, was dies bedeutet, zum Beispiel, dass es seine Kinder gar nicht gäbe, möchte er sein Leben zurück. Er ruft Clarence, den Engel, um Hilfe und bittet ihn inständig darum, ihm sein Leben zurückzugeben, und zwar genauso wie es war. Wer den Clip zu Ende schaut, wird sehen, dass sich Probleme oft von ganz alleine lösen, wenn man gute Freunde und Familie an seiner Seite hat. Das ist das Wichtigste.

George will leben! Was willst du?

Darf ich vorstellen?

Kaspar, Melchior und Balthasar. Diese drei Namen, jedenfalls in Kombination, ergeben eine altbekannte Antwort, nämlich: Die heiligen drei Könige aus dem Morgenland. Doch wie prägend sind unsere Vornamen eigentlich? Und passt der Name zu uns oder wir zu unserem Namen?

Mein Name ist Julia. Ich habe sogar ein Buch mit diesem Titel geschrieben, denn ich glaube, dass wir alle immer wieder nach der eigenen Identität suchen. Die Identität fängt für mich beim Namen an. Wir werden geboren und bekommen von unseren Eltern einen Namen geschenkt. Wenn wir Glück haben, gefällt uns der Name und wir können uns damit identifizieren. Später, wenn wir neue Menschen treffen, stellen wir uns einander mit Namen vor. Wir können erzählen wo wir wohnen und was wir von Beruf sind, aber um all diese Eigenschaften schlussendlich einem Menschen zuordnen zu können, braucht es einen Namen.

Die beliebtesten Vornamen im 2020 in der Schweiz sind Mia und Liam, gefolgt von Emma und Noah. Man kann also davon ausgehen, dass Kinder mit diesen Vornamen spätestens im Kindergarten oder in der Schule auf ein anderes Kind mit gleichem Namen treffen werden.

Es gibt aber auch ein paar sehr spezielle Vornamen wie zum Beispiel Sultan, Fanta, River, Hasso, Mikado, Ikea, Milka, Galaxina, Sheriff, Lafayette, Apple, Dior, Prestige, Champagna und Schokominza.

Und dann gibt’s zum Glück noch Beamte, die nicht jeden Namen zulassen wie zum Beispiel: Rumpelstilzchen, Pumpernickel, Schnucki, Gastritis, Porsche, Nelkenheini, Waldmeister, Puppe, Pepsi-Cola, Steissbein, Störenfried und Grammophon.

Wer sich mit der Bedeutung seines Namens auseinandersetzen möchte, kann dies beispielsweise hier tun.

Man darf allerdings nicht unterschätzen, wie prägend der eigene Name ist. Ich weiss ja nicht wie es Euch geht, aber wenn ich jemanden kenne, den ich nicht besonders mag, so verknüpfe ich dieses negative Gefühl automatisch mit dem Namen derjenigen Person. Das heisst folglich, ich würde mein Kind nie so nennen. Erst eine positive Begegnung mit einem anderen Menschen, der den gleichen Vornamen trägt, kann vielleicht Veränderung bezüglich meiner Verknüpfung mit dem negativen Gefühl bewirken.

Der Film «Der Vorname» erzählt genau von dieser Thematik. Dieser Film ist nicht nur amüsant, er ist auch sehenswert. Thomas und seine Frau Anna erwarten ein Kind und verkünden, dass sie ihren Sohn Adolf nennen werden. Die Gastgeber und auch der Familienfreund René können diese Namenswahl nicht fassen. Es beginnt eine heftige Debatte über falsche und richtige Vornamen. Der Abend eskaliert, als die schlimmsten Jugendsünden und die grössten Geheimnisse aller Gäste ans Licht kommen. Hier geht’s zum Trailer.

Die Namensgebung ist wie fast alles einfach Geschmackssache. Manche Menschen ändern irgendwann in ihrem Leben den Vor- oder gar den Nachnamen, weil sie sich nicht damit identifizieren können oder weil sie Nachteile oder sogar Leid durch den Namen erfahren. Und natürlich gibt es Menschen, die den Nachnamen des Partners durch Heirat annehmen. Ist die Bürokratie erst einmal durch, braucht es Zeit, bis man sich an den neuen Namen gewöhnt hat.

Zum Schluss möchte ich noch auf den Identitätsdiebstahl hinweisen, welcher die letzten Jahre massiv zugenommen hat. Kriminelle benutzen unseren Namen und somit auch unsere Identität, sie kaufen im Internet auf unsere Kosten und mit unserem Namen ein. Die Rechnung wird natürlich nicht bezahlt und eines Tages flattert bei uns eine Mahnung ins Haus, obwohl wir nichts damit zu tun haben! Wir sollten deswegen nicht leichtfertig mit unseren Personalien umgehen. Unser Name ist schützenswert.

Geschwister – eine Bindung fürs Leben

Wir lieben sie und manchmal hassen wir sie auch. Wer einen Bruder oder eine Schwester hat, kennt diese ambivalenten Gefühle ganz genau. Mit unseren Geschwistern verbringen wir die ersten, prägenden Lebensjahre. Geschwisterbeziehungen sind sehr oft die zeitlich längsten Beziehungen unseres Lebens. Nicht selten sind sie deshalb sehr stark.

Brigitte Kunz, Jahrgang 1960, ist mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder aufgewachsen. Beide Geschwister sind viel zu früh und unter tragischen Umständen verstorben. Ich durfte mit Brigitte über ihre schmerzhaften Erfahrungen sprechen.

Was hast du für Erinnerungen an deine Kindheit, insbesondere im Zusammenhang mit deinen Geschwistern?

Susanne war nur ein Jahr älter als ich. Wir hatten darum ständig Konkurrenzkämpfe. Als ältere Schwester war sie die Vernünftigere und übernahm gerne die Mutterrolle. Ich war die Rebellin. Ich mochte es nicht, wenn sie mich bevormundete. Daher habe ich in der Kindheit gelernt für meine Rechte zu kämpfen und mir nicht alles gefallen zu lassen. Beat war zwei Jahre jünger als ich. Er hatte bei uns in der Familie schon früh die Rolle des kleinen Prinzen. 1972 liessen sich die Eltern scheiden und Beat wurde von uns drei Frauen betüdelt. Unsere Mutter war und ist eine starke Frau. Da das Geld oft nicht ausreichte, musste sie schon früh arbeiten gehen, so dass wir Kinder uns oft selbst überlassen waren. Ich weiss noch, dass wir Geschwister einander sehr gebraucht haben. Wir hatten keine einfache Kindheit, denn mein Vater war Alkoholiker.

Deine Schwester Susanne ist mit nur 39 Jahren an Gebärmutterhalskrebs gestorben. Was für Erinnerungen hast du an die Zeit mit deiner Schwester?

Meine Schwester hat sieben Jahre gegen die heimtückische Krankheit «Krebs» gekämpft. 1992 mussten ihr notfallmässig die Eierstöcke rausgenommen werden. Später bekam sie Lungenkrebs, dann einen Hirntumor und schliesslich noch Knochenmetastasen. Am Ende war ihr Tod auch für uns eine Erlösung. Wir konnten Susanne unter diesen Umständen gut loslassen, denn es war ein zermürbender Kampf und das über viele Jahre.

Was fühlst du, wenn du heute an deine Schwester denkst?

Inzwischen denke ich nicht mehr nur an die Zeit, in der meine grosse Schwester krank war. Ich erinnere mich an unsere Pubertät, das war eine aufregende Zeit. Susanne war jedoch immer etwas eifersüchtig auf mich, weil ich so taff war. Als meine Schwester ihren Mann Kurt kennenlernte, wurde unser Verhältnis richtig gut. Susanne war später auch unserer Tochter eine tolle Patentante. Sie hat sich oft und gern um Sandra gekümmert. Gerade weil sie keine eigenen Kinder haben konnte, war die Beziehung zu der Nichte sehr eng. Von diesen Erinnerungen zehre ich heute noch und nicht nur ich, sondern meine ganze Familie. Später habe ich, durch die Erfahrung mit der Krankheit meiner Schwester, gelernt loszulassen und einen Menschen, so schwer es sein mag, in den Tod zu begleiten.

Als wäre die Geschichte mit deiner Schwester nicht schon tragisch genug, hast du vor 2 Jahren auch noch deinen Bruder Beat verloren. Zunächst einmal, wie war euer Verhältnis als Erwachsene?

Der Verlust von Susanne hat uns noch mehr zusammengeschweisst. Wir hatten ein typisches Bruder-Schwester Verhältnis. Über Probleme spricht eine Frau mit der Schwester oder mit einer Freundin, aber nicht mit dem Bruder. Wir haben aber viel Zeit miteinander verbracht, nicht zuletzt, weil auch mein Mann sich sehr gut mit Beat verstand. Zum Beispiel haben wir öfters gemeinsam Ferien gemacht, sind an den Wochenenden zusammen ins Restaurant gegangen oder wir haben gemeinsam gekocht. Mein Mann und Beat teilten dieselbe Leidenschaft, die beide auch zum Beruf gemacht hatten. Mein Bruder hatte auch ein sehr enges Verhältnis zu unseren Kindern. Wenn es Beat nicht gut ging, dann habe ich das als grosse Schwester meistens gespürt, aber über Probleme reden, das wollte er nicht.  Wenn ich hartnäckig geblieben bin, dann hat er stets alles verharmlost oder abgeblockt. Mein Bruder war ein sehr lieber Mensch und er wollte uns keinen Kummer machen.

Wie gehst du damit um, dass Beat sich das Leben genommen hat?

Mein Bruder hat am 12.12.2018, es war an einem Mittwochmorgen, kurzerhand entschieden, sich vor einen Zug zu werfen. Alles deutet darauf hin, dass es eine Kurzschlussreaktion gewesen ist, denn wir haben weder einen Abschiedsbrief gefunden, noch hat er sich an dem besagten Morgen anders verhalten als sonst. Er war auf dem Weg zur Arbeit, hat es sich dann auf einmal anders überlegt. Es war für uns alle ein riesen Schock, einfach unbegreiflich und das ist es immer noch.

Am Sonntagabend war er noch bei uns, er war gut drauf und nichts deutete darauf hin, dass sich drei Tage später eine derartige Tragödie abspielen würde. Wir haben übers Weihnachtsessen gesprochen. Zum ersten Mal wollten wir eine Gans zubereiten. Beat erzählte uns von seinen Plänen, von den geplanten Joggingweihnachtsläufen, der Besichtigung der Tannenbäume am Bellevue. Auch erwähnte er, dass er viel arbeiten müsse. Wir wussten nicht, dass er im Begriff war in ein Burnout zu rennen.

Eine Woche vor seinem Tod fand ein Treffen mit Menschen aus unserem früheren Umfeld statt. Beat wirkte sehr traurig und auch gefrustet. Aber ich habe nichts gesagt, ich wollte ihn nicht ausfragen. Und am Sonntag darauf hat er uns vorgespielt, dass es ihm gut geht.

Konntest du Beat inzwischen vergeben?

Ja und nein. Ich stecke immer noch im Prozess. Kürzlich fand der zweite Todestag statt. Letztes Jahr standen wir alle noch unter Schock. Dieser Todestag war für mich wieder ganz schlimm. Aber ich lasse meine Trauer zu und manchmal auch meine Wut. Ich kann es immer noch nicht verstehen. Warum? Und dann bin ich wieder dankbar für die wertvolle Zeit, die ich mit meinem Bruder hatte.

Glaubst du, dass es irgendwann leichter wird und dir deine Geschwister weniger fehlen werden?

Nein, das glaube ich nicht. Aber man gewöhnt sich daran. Die leichteren Momente werden mit der Zeit etwas länger. Doch die Trauer um diese geliebten Menschen, wird immer präsent sein.

Susanne konnte ich Tschüss sagen. Bei Beat war es von einem Moment auf den anderen einfach vorbei.

Es tröstet mich, dass wir damals mit Beat einen schönen letzten Sonntagabend verbracht haben. Es war an jenem Abend eine Leichtigkeit spürbar; im krassen Gegensatz zu dem was dann passiert ist! Doch genau so möchte ich Beat in Erinnerung behalten mit dem Wissen, dass wir ihm alles gegeben haben, was wir hatten. Heute weiss ich, dass Beat mit Existenzängsten und Einsamkeit zu kämpfen hatte. Wir hätten ihm doch geholfen und ich glaube, dass er das wusste.

Was löst das Wort «Geschwister» mit einem Wort bei dir aus?

Liebe. Verbundenheit.

Danke Brigitte, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Ich wünsche dir und deiner Familie und natürlich auch den Lesern von Qultur ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest. Geniesst das Zusammensein mit euren Liebsten und startet mit viel Zuversicht und Energie ins Neue Jahr.

Zu den Bildern:

Als Kinder von links nach rechts:
Beat, Brigitte und Susanne

Als Erwachsene von links nach rechts:
Brigitte, Beat und Susanne

Hat der einen Vogel oder was?

Anfangs November handelte eine meiner Kolumnen unter anderem vom Slogan «Ohne K(uns)t und Kultur wird’s still». Zeitgleich hat Thomas Godoj, ein bekannter Sänger aus Deutschland, auf den sozialen Medien eine starke Message gepostet. Unter dem Motto #alarmstuferot #ohnek(uns)tundkulturwirdsstill hat der Rocksänger mit nur einem Bild mehr gesagt als 1000 Worte es zu sagen vermögen.

Als Besitzerin einer Voliere mit vier darin lebenden Wellensittichen, höre ich immer wieder, dass es unsere Vögel wirklich schön haben und das, obwohl sie in einem «Käfig» leben. Genau so habe ich früher auch gedacht, nämlich, dass Vögel in einem Käfig arm dran sind, weil sie in Gefangenschaft leben. Heute sehe ich es anders, jedenfalls wenn die Vögel gut gehalten werden und die Möglichkeit für Freiflüge besteht. Ich habe festgestellt, dass meine Vögel ihren Käfig gerne mögen, denn er gibt ihnen Sicherheit. Wir Menschen unterscheiden uns da nicht gross, wir können nur nicht fliegen.

Max Ernst (1891 – 1976) ein Maler, Grafiker und Bildhauer, war nicht nur ein bedeutender Künstler seiner Zeit, er war auch ein weiser Mann. Eines seiner berühmten Werke heisst «Les cages sont toujours imaginaires» was auf Deutsch «Die Käfige sind immer eingebildet» heisst. Das Kunstwerk von 1925 hängt im Kunsthaus Zürich. Die Aussage hinter dem Bild hat mich fasziniert, zumal ich die letzten Jahre selber viele Vögel gemalt habe und mir nicht bewusst war, warum.

Die Faszination fürs Fliegen teilen viele Menschen. Ohne Maschine werden wir nie fliegen können, da hilft uns auch die Evolution nicht, es bleibt ein unumstösslicher Fakt. Wir verbinden Fliegen oftmals mit einem Freiheitsgefühl, weil wir dann schwerelos sind. Schwerelos zu sein bedeutet kein Gepäck. Und Gepäck haben wir Menschen oft und viel. Wir sagen nicht ohne Grund: «Jeder hat seinen eigenen Rucksack zu tragen» oder «Jeder hat sein Päckchen zu tragen». Im Übrigen ist es noch keinen Monat her, dass ich geträumt habe, dass ich mit Hilfe eines knallroten, heliumgefüllten Ballons fliegen konnte. Ich schwebte nur ein paar Zentimeter über dem Boden, aber es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Im Traum habe ich zu einer Freundin gesagt, dass es gar nicht schwer ist zu fliegen. Sie hat mir dann vertrauensvoll ihre Hand gegeben und wir sind gemeinsam durch die Strassen unseres kleinen Dorfes geschwebt. Dabei ist es kein Zufall, dass ich im Traum jemanden aus Kindheitstagen gewählt habe. Unser Käfig entsteht nämlich in der Kindheit und wie der kleine Elefant, der als Baby an einem einfachen Holzpfosten angebunden wird, begreifen wir nicht, dass der ausgewachsene Elefant oder eben auch wir Erwachsene uns von unserem «inneren Käfig» befreien könnten. Max Ernst nennt den Käfig imaginär, er existiert also nur in unserer Vorstellung. Als Kind mussten wir oft beziehungsweise durften wir nicht. Als Erwachsene «müssen» wir nicht mehr so viel, wir dürfen frei entscheiden, wobei gerade das im Moment wirklich schwierig ist, weil wir durch die Massnahmen der Pandemie entmündigt werden.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das sagt man nicht nur so, es stimmt auch. Wir mögen Veränderungen nur bedingt. Wir fühlen uns wohl, wenn wir einen gewohnten Tagesablauf verfolgen. Selten hinterfragen wir unsere Angewohnheiten. Unser Leben ist so wie es ist, man muss es hinnehmen wie ein Vogel, der in seinem Käfig sitzt. Nur wenige Menschen getrauen sich immer wieder mal auszubrechen, man kann es also tatsächlich mit Fliegen vergleichen. Vielleicht habe ich deshalb so Freude an meinen neuen Haustieren, denn sie verlassen tagtäglich ihren sicheren Käfig, um richtig fliegen zu können. Gut, es ist vielleicht nicht ganz «die grosse Freiheit», aber es ist Freiheit in einer sicheren Umgebung und das ist auch viel wert. Wenn Menschen genau dies erleben, erfahren sie grosses Glück und innere Zufriedenheit.

Lieber Thomas, wann darf der Vogel endlich wieder live singen?
Das kann ich leider nicht beantworten – soweit ich weiss, wurden die Massnahmen des «Lockdown light» noch bis ins neue Jahr verlängert und noch herrscht grade unter Kulturschaffenden und Veranstaltern grosse Planungsunsicherheit. Es bringt ja auch nichts, Konzerttermine festzulegen, wenn man dann doch wieder verschieben muss. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir nicht noch ein weiteres Jahr ausharren müssen.

Was denkst du über die Aussage von Max Ernst, dass Käfige immer eingebildet sind?
Ich kann die Aussage nur bedingt unterschreiben. Der «Käfig», in dem ich und viele andere Qulturschaffende grade festsitzen, wenn er auch nur eine Metapher ist, ist eine sehr reale Situation. Die Massnahmen der deutschen Bundesregierung – die ich im Übrigen im Kern für sehr sinnvoll erachte – führen dazu, dass wir unseren Beruf und unsere Berufung nicht ausüben können. Wir können aber sicher weiterhin kreativ mit der Gesamtsituation umgehen und uns im Kopf möglichst viel Freiheit im Denken und Schaffen bewahren. Doch die Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Geld ein wesentlicher Bestandteil des eigenen Überlebens ausmacht und die Verdienstmöglichkeiten für Künstler zurzeit maximal eingeschränkt sind, macht den «Käfig» doch sehr materiell und greifbar. Aber sicherlich stimmt es trotzdem, dass wir durch unsere Sozialisation, die Bedingungen, unter denen wir aufgewachsen sind, die Muster und auch Beschränkungen, in denen unsere Eltern aufgewachsen sind und die sie an uns weitergegeben haben, gewisse «Käfige» im Kopf haben. Die kann man als wohltuende Grundgerüste sehen, an denen man sich durchs Leben hangeln kann oder eben auch als Beschränkungen. Und wenn sich in einem ein undefinierbares Gefühl von Unzufriedenheit einstellt, lohnt es sich sicherlich, mal die eigene Komfortzone zu verlassen und sich und sein Leben kritisch zu betrachten und bisherige Verhaltensmuster zu hinterfragen.

Träumst du auch manchmal vom Fliegen?
Hmm… als Kind habe ich das auf jeden Fall. Heute träum‘ ich vom Singen, von Konzerten. Das geht richtig an die seelische Substanz, wenn man will und nicht darf/kann.

Du hast gerade eine neue Single herausgebracht. «Lass es regnen» ist eine kraftvolle Rockballade, die von Reue über eigene Fehler in zwischenmenschlichen Beziehungen erzählt. Schreibst du die Texte selber? Bist du jemand, der manchmal bereut?
Klar kenne ich das Gefühl von Reue – wer hat nicht schon mal in seinem Leben Mist gebaut? Was ich aber nicht bereue ist, dass ich die Texte zu meinen Songs hauptsächlich zusammen mit meiner Freundin Julia Scheibeck schreibe. Wir ergänzen uns da einfach super. Sie kennt mich wie kein anderer, uns beschäftigen die gleichen Themen und sie hat das grosse Talent, neben vielen weiteren, lyrisch immer alles perfekt auf den Punkt zu bringen. Sie ist ja eigentlich Fotografin und hat auch das Foto mit dem Vogelkäfig gemacht. Sie hat dann eine Idee und setzt sie sofort um – und ich lass mich gerne einspannen, weil ich weiss, dass dabei immer irgendwas Gutes rauskommt.

DSDS ist lange her. Du hast eigentlich nie in dieses Konzept gepasst und doch, ich würde dich wahrscheinlich ohne diese Sendung nicht kennen. Ist DSDS für dich ein Fluch oder ein Segen?
Mit dieser Frage sind wir dann auch wieder bei einem «Käfig» – wenn ich zulasse, dass es ein Fluch ist, ist es ein Fluch. Betrachte ich es als Segen, ist es auch einer! Ich entscheide mich für den Segen.
Man weiss ja letztlich nie, wo man jetzt stünde, wenn nicht alles so passiert wäre, wie es eben passiert ist. Somit ist es Energieverschwendung.

Deine Songtexte sind manchmal auch politisch. Dein neues Album heisst «Stoff» und du präsentierst das Album auf Facebook mit folgenden Worten: Der musikalische Impf-Stoff ist da. Inzwischen mischt ja auch die Politik bei medizinischen Fragen mit. Darum interessiert es mich brennend, ob du dich gegen COVID19 impfen lassen wirst?
Ja, das werde ich. Natürlich ist es ein gewisses Experiment, so ein neuer Impfstoff. Doch ich möchte gerne alles tun, um meine Mitmenschen und mich selbst zu schützen und sehe es nicht ein, dass ich mich auf die Impfwilligkeit anderer verlasse, nur um selber ungeimpft und trotzdem sicher herumspazieren zu können.

Vielen Dank für das Interview, Thomas.

Was hat die Banane, was ich nicht habe?

Ist das die neue Gretchenfrage? Müssen wir uns heutzutage ständig mit der Konkurrenz messen? Auf dem Arbeitsmarkt wie auch privat? Ist das auf die Dauer nicht verdammt anstrengend? Können wir uns überhaupt auf Lorbeeren ausruhen? Und wie lange können wir noch so weitermachen?

Kürzlich hat einer meiner Facebookfreunde einen wirklich lustigen Spruch gepostet: «Habe mich gestern im Supermarkt auf die Obstwaage gelegt. Wollte einfach mal wissen, was ich als Banane kosten würde.» Was für ein witziger Spruch! Er ist aber nicht nur lustig, sondern in der Kernaussage sehr aussagekräftig. Mit unserem Gewicht als Banane würden wir nämlich sehr viel mehr kosten als eine gewöhnliche Banane. Wir wären also ganz schön teuer und damit automatisch sehr wertvoll und siehe da, wir sind beim heutigen Thema angelangt, denn es ist Dezember und die Jahres- und

Qualifikationsgespräche stehen an.

Eines haben wir Menschen nämlich alle gemeinsam: Wir wünschen uns Wertschätzung. Wir brauchen Bestätigung und Anerkennung. Ohne Wertschätzung verlieren wir die Motivation, die Freude und den Elan. Bei der Arbeit und es spielt dabei keine Rolle, ob es um einen bezahlten Job geht oder um eine ehrenamtliche Arbeit, ist der eigentliche Lohn die Wertschätzung in Form eines Geldbetrags oder einer beziehungsweise mehreren positiven Rückmeldungen, wie zum Beispiel, dass unsere Tätigkeit geschätzt wird und wir gute Arbeit leisten. Wenn dies Anerkennung über längere Zeit ausbleibt, verlieren wir mit der Zeit die Freude. Manche nehmen dies bewusst wahr und orientieren sich dann neu. Die Konsequenz für den Betrieb oder für den Verein ist dann, dass diese einen Mitarbeiter verlieren. Ich glaube, dass das Thema Wertschätzung oft unterschätzt wird.

Natürlich braucht es auch in einer Beziehung ein wertschätzendes Miteinander, sonst ist auch hier ein Scheitern vorprogrammiert.

Ich habe zum Thema Wertschätzung eine Umfrage in meinem Bekanntenkreis gemacht, denn ich wollte wissen, wie wertgeschätzt sich Menschen bei der Arbeit fühlen.

Hier das Ergebnis:

77% sind mit ihrem Lohn zufrieden.

87% sind der Meinung, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird.

31% haben aber schon einmal Tabula rasa gemacht, weil sie sich in ihrem Job zu wenig wertgeschätzt fühlten.

Daraus kann man schliessen, dass die meisten mit ihrer aktuellen Arbeitssituation zufrieden sind und nur rund ein Drittel der Arbeitsnehmer den Job gewechselt haben, weil sie sich nicht wertgeschätzt fühlten. Das ist erfreulich, denn der Arbeitsmarkt ist vielen Schwankungen unterworfen. Die Ansprüche der Arbeitgeber wachsen stetig, überhaupt hat sich in den letzten 20 Jahren eine dynamische Arbeitsqulturentwickelt, so dass ein grosser Druck auf beiden Seiten entstehen kann.

Wertschätzung ist aber nicht nur in der Arbeitswelt zentral, sondern auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. In «Mein Name ist Julia» findet sich dazu ein Gedicht. Leider reden wir oft lieber um den heissen Brei, als dass wir aussprechen, dass wir doch nur geliebt beziehungsweise wertgeschätzt werden wollen.

Wertvoll
In deinen Augen wertvoll sein,
das ist es, was ich anstrebe.
Meine Worte sollen dich berühren
und mich dir näherbringen.
Meine Taten zeigen auf,
was ich kann und was nicht.
Wertvoll sein in den Augen meines Gegenübers
wollt’ ich immer sein.
Doch erst bei Licht erkennst du den Wert eines Menschen.
Die Dunkelheit umhüllt es sicher, undurchdringbar.
In deinen Augen wertvoll sein,
das ist es, was ich wollte.
Heute erkenne ich den Betrug.
Wertvoll wird man nicht.
Man ist es.