Filmtipp: «The Father»

Filme mit dem Thema Alzheimer gibt es bereits einige und ich habe sie praktisch alle gesehen. Doch dieser Streifen übertrifft sie einfach alle! Warum? Weil dieser Film uns nämlich unverblümt in die schonungslose Welt des Alzheimerpatienten und seiner Angehörigen mitnimmt. Man kann buchstäblich fühlen, was Menschen mit dieser Krankheit durchmachen. Mit solch einer Intensität hat das meines Erachtens keiner der anderen Filme geschafft und darum solltet Ihr Euch gerade diesen Film auf keinen Fall entgehen lassen.

Als sturköpfig und ziemlich herrisch lernt der Kinozuschauer Anthony, den Vater der fürsorglichen Anne, kennen. Der 80-jährige lebt in einer schönen Londoner Wohnung und hört gerne klassische Musik. Der Zuschauer merkt relativ schnell, dass der ältere Herr zunehmend an Gedächtnisverlust leidet. Seine Tochter jedoch kümmert sich hingebungsvoll um ihren Vater. Leider schafft es Anthony immer wieder, die Pflegefachkräfte, die Anne für ihren Vater und natürlich auch zu ihrer Entlastung organisiert hat, zu vergraulen.

Man kann sich manchmal das Lachen nicht verkneifen, denn Anthony wirkt teilweise richtig spitzbübisch, ist dann aber von einem Moment zum anderen einfach nur verletzend – auch zu seiner Tochter Anne. Diese verzweifelt allmählich und als sie ihrem Vater eröffnet, dass sie zu ihrem Freund nach Paris ziehen wird, hat sich Anthony bereits unentrinnbar in eine fremde Welt aus gespiegelten Erinnerungen verloren.

Das Schauspiel ist von einer hinreissenden Echtheit, wie ich sie selten erlebt habe. Wie es dem Regisseur Florian Zeller mit seinem Regiedebüt beim Film gelungen ist, den Zuschauer so real in das Leben mit Demenz zu versetzen, hat mich tief beeindruckt. Der Film zeigt wahrlich ein meisterhaft inszeniertes und zugleich höchst emotionales Drama. Die Vater-Tochter-Geschichte parallel zur Alzheimer-Thematik ist ebenfalls nicht zu verachten. Alles in allem einfach ein grandioses Meisterwerk!

Als begeisterte Kinogängerin, ganz besonders was aussergewöhnliche Filme anbelangt, bin ich nach diesem Kinoerlebnis zu der Überzeugung gelangt, dass Filmen wie diesem gerade in der heutigen Zeit sehr viel mehr Beachtung geschenkt werden sollte. Solche Streifen haben nicht nur eine starke Botschaft, sie haben auch eine grosse Tragweite. Darum wirken sie noch lange nach und leisten nicht selten auch wichtige Aufklärungsarbeit. Mein bald 14-jähriger Sohn beispielsweise hat mit diesem Film auf eindrückliche Weise gelernt, was es bedeutet, wenn ein Mensch an Alzheimer erkrankt. Ich wiederum habe, wie selten zuvor, eine Vorstellung davon bekommen, wie extrem und schier gnadenlos sich diese Krankheit auf den Geist des Betroffenen auswirkt.

 

Ich verneige mich vor dieser hohen Schauspielkunst und freue mich jetzt schon auf den nächsten grossartigen Kinofilm dieser Art.

Die Kinderbaustelle in Buchs eröffnet

Gerne möchte ich Euch heute meinen (Stief-)Sohn Fabio Keller aus Sevelen vorstellen. Fabio ist 21 Jahre alt und gelernter Elektroinstallateur. Nach seiner Lehre hat er die Rekrutenschule in Lyss absolviert und ist nun seit Juni 2021 ein Teil des Teams, welches die neue Kinderbaustelle in Buchs eingerichtet hat. Ich durfte mit ihm über das aktuelle Projekt vom KOJ Werdenberg sprechen, welches am kommenden Samstag, 26. Juni 2021 seine Tore öffnet.

Bilder: Julia Keller

Lieber Fabio, erzähl mir doch etwas von diesem spannenden Projekt vom KOJ, der Kinderbaustelle Buchs, welches unter der Leitung von Markus Büchel steht.

Die Kinderbaustelle ist eine coole Sache. Das Besondere daran ist, dass die Kinder selber entscheiden können, was sie machen wollen. Wir vom Team geben ihnen nichts vor. Wir achten aber beispielsweise auf die Stabilität der Bauobjekte oder haben ein Auge darauf, dass auf dem Areal einigermassen Ordnung herrscht. Ich finde das Projekt super und ganz besonders, dass es für die Teilnehmer kostenlos ist. Denn so ist es für alle Kinder gleichermassen zugänglich.

Den Kindern werden vor Ort Baumaterial und Werkzeug zur Verfügung gestellt und es darf damit nach Lust und Laune gebaut, gewerkt, gebastelt und gemalt werden.

Es besteht zudem die Möglichkeit, sich gärtnerisch auszutoben. Auch in diesem Bereich sind der Kreativität der Kinder keine Grenzen gesetzt. Wir können übrigens noch einiges an Material gebrauchen. Wer also Werkzeug, insbesondere Gartenwerkzeug, also kleine Schaufeln, Hacke, Spaten und Giesskannen sowie Blumentöpfe oder Setzlinge nutzlos herumliegen hat, findet hier bei der Kinderbaustelle Buchs dankbare Abnehmer.

Was gibt es auf dieser besonderen Baustelle zu beachten?

Die Kinderbaustelle Buchs ist bereits für Kinder ab dem ersten Kindergartenjahr zugänglich, wobei die Eltern von Kindergarten- und 1. Klasse-Kindern auf dem Platz bleiben müssen. Kleine Geschwister sind unter der Aufsicht der Eltern in der «Barfusszone» ebenfalls willkommen.

Ganz wichtig zu wissen: Auf dem Areal der Baustelle muss man geschlossene Schuhe tragen und natürlich sollte man auch die Betriebszeiten beachten (siehe unten).

Wo ist die Kinderbaustelle in Buchs zu finden?

Das Baustellenareal befindet sich auf der Ostseite des Bahnhofareals, und zwar neben dem Park and Rail Parkplatz. Die Adresse lautet: Fichtenweg 10 in Buchs, welche gleich neben dem Gebäude der sozialen Dienste zu finden ist.

Was gefällt dir persönlich an der Kinderbaustelle am besten?

Ich finde das Angebot an sich super, respektive, dass es so etwas überhaupt gibt. So ein Angebot hätte ich als Kind auch gerne gehabt. Ich freue mich jetzt schon auf die strahlenden Gesichter der Kinder, wenn sie etwas Eigenes geschaffen haben!

Das Ziel der Kinderbaustelle ist ja unter anderem auch die pädagogische Förderung auf dem Weg zu selbständigem Verhalten, der Entwicklung von Eigeninitiative, Selbstbewusstsein, Kritikfähigkeit und Kreativität. Durch gemeinsames Spielen und Bauen in kleinen Gruppen lernen die Kinder bestens, soziale Interaktionen zu gestalten.

Was hast du bisher für Aufgaben erledigt?

Die letzten Wochen haben wir Unmengen an Material besorgt. Wir haben Material eingekauft oder aber bei Sponsoren abgeholt. Das meiste Material wurde von Sponsoren beigesteuert. Ausserdem haben wir fleissig das Areal aufgeräumt und bereitgestellt. Das Areal gehört übrigens der SBB und wir dürfen es gratis nutzen. Die einzige Bedingung war, dass wir es aufräumen mussten. Es gab also richtig viel zu tun!

Und was ist deine Aufgabe ab Eröffnung kommendes Wochenende?

Meine Aufgabe wird die Einführung auf der Baustelle für die Kinder sein. Corona bedingt muss man sich vorab auf der Baustelle anmelden, doch erst einmal angemeldet, ist der Ablauf danach unkompliziert.

Zu meinen Pflichten gehört auch die Beaufsichtigung der Baustelle und der Bauarbeiten, ebenso biete ich Unterstützung, wo sie benötigt wird.

Wir betreiben übrigens auch einen kleinen Kiosk und bieten Kaffee für die Eltern oder sonstige Getränke sowie Sirup (gratis für Kinder) an. Und natürlich gehört das tägliche Aufräumen am Schluss des Tages auch zu meiner Arbeit.

Wir? Wer steckt dahinter?

Das sind einige Leute, die damit gemeint sind. Die meisten davon sind Freiwillige, aber auch Mitarbeiter vom KOJ. Ich beispielsweise mache ein Praktikum beim KOJ und bisher gefällt es mir sehr gut.

Ich freue mich jetzt schon auf viele spannende Stunden mit den Kindern und ihrer Baustelle.

Kinderbaustelle Öffnungszeiten:

während Sommer und Herbstferien

Montag bis Samstag von 11 – 17 Uhr

während Schulzeiten

Mittwochnachmittag von 13 – 17 Uhr

Samstag 11 – 17 Uhr

Male dir dein Leben in deinen Farben

Meine heutige Kolumne beginne ich mit einem Zitat von Pablo Picasso: «Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet.» Gerade wäre ich viel lieber am Malen, anstatt zu schreiben, doch um meinen Prozess bei meinem neusten Projekt zu erklären, bedarf es Worte.

Vor mehr als zwei Wochen habe ich eine neue Projektarbeit gestartet. Im Auftrag der Gemeinden Sevelen und Vaduz darf ich für die Jubiläumsfeier der alten Holzbrücke über den Rhein zwei Tücher bemalen. Die erste Holzbrücke wurde im Jahre 1871 gebaut. Die Tücher allein sind schon eine Herausforderung, weil sie mit ihrer Grösse von je 350x160cm nämlich auf keinen konventionellen Arbeits-Tisch passen! Mein Atelier hat genau genommen einen Durchmesser von rund 350cm, was die Auslegung eines einzelnen Tuches doch ziemlich arg einschränkt. Ich bin also auf dem Tuch umhergegangen, bin hingekniet und habe dann zum ersten Mal in meinem Künstler-Leben überhaupt eine Grundierung (Silhouette) auf dem blanken Boden gemacht. Dabei hat mich mindestens zwei Mal einen Krampf im Fuss, jedenfalls für kurze Zeit, ausser Gefecht gesetzt. Später habe ich das Tuch dann auf einem Tisch und dem zur Verlängerung daran angestellten Bügelbrett hin und her geschoben, so dass ich wenigstens ab und zu beim Malen auch einmal absitzen konnte.

Für die Kunstaktion «Schatten: ÜberBrücken» sind rund zwanzig Künstler aus der Region angefragt worden. Aufgabestellung ist folgende: Es müssen menschliche Schatten/Silhouetten dargestellt sein und in der Silhouette soll unsere Kunst offenbart werden. Ich fand die Idee super und habe darum auf die Anfrage sogleich zugesagt. Die Feier am 21. August findet bei der Holzrheinbrücke Sevelen-Vaduz (also grad bei der Grenze) statt, die Tücher werden in der Passerelle der Brücke aufgehängt. Die Feier des 150-jährigen Jubiläums beginnt am 21. August 2021 um 10:00 und endet um 17:00 Uhr.

Inzwischen bin ich mit meiner Arbeit bei Tuch Nummer zwei angelangt. Mit dem Ergebnis von Tuch Nummer eins bin ich zufrieden. Dazu kann ich verraten, dass es für mich persönlich eine Reise voller Überraschungen war. Zudem hat es mich einmal mehr berührt, wie ich, ohne überhaupt gross nachzudenken, einfach drauf los gemalt habe und schlussendlich über das Ergebnis staunen durfte.

Tuch Nummer zwei hingegen ist die schwierigere Herausforderung, denn nach Tuch Nummer eins wusste ich ja, dass ich die Geschichte vom zweiten Tuch auch erzählen muss. Bevor ich überhaupt angefangen habe zu malen, wusste ich erst gar nicht, was ich erzählen werde. Das ist im Grunde genommen ja auch das Faszinierende an der Kunst. Du greifst zum Pinsel und malst Striche und Formen. Es entsteht ein Bild. Das Bild kommt aus deinem tiefsten Innern. Dann kommt immer mehr Farbe hinzu. Farben haben auch eine starke Aussagekraft. Wer meine Arbeiten kennt, weiss wie bunt meine Bilder sind.

Vor wenigen Tagen noch allerdings, wollte ich Tuch Nummer zwei wegwerfen und nochmals von vorne anfangen. Es war mir nämlich bewusst geworden, dass ich einiges falsch gemacht hatte und diese Fehler wollte ich dann alle auf einmal ausmerzen. Einfach so, als hätte es sie nie gegeben. Ich war kurz davor, die Organisatoren um ein neues Tuch zu bitten. Weil ich aber bereits vielen Stunden in dieses zweite Tuch investiert habe, wurde mir schnell bewusst, wie sehr mich seine Geschichte doch umhertreibt. So habe ich beschlossen, allem Zweifel zum Trotz dranzubleiben und das Beste aus diesem Bild und dem Sujet zu machen. Egal was noch passiert, am Schluss werde ich zu diesem Bild stehen – ohne Wenn und Aber!

Tuch Nummer eins ist lieblich und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es die Herzen der Betrachter erfreut. Tuch Nummer zwei hingegen tut dies nicht. Es wirkt eher gefährlich und für den einen oder anderen gar etwas wirr.

Was ich mit dieser Kolumne auch sagen möchte: wir können nicht immer nur lieb und nett sein. Ich beispielsweise habe mich jahrelang stets angepasst. Jedoch gibt es Situationen im Leben, bei denen wir kämpferisch auftreten sollten. Das ist ein Teil der Geschichte von Tuch Nummer zwei. In dem wir uns einfach «nur» anpassen, geben wir uns selbst immer auch ein Stückweit auf. Wenn wir aber unseren eigenen Weg gehen, dann kommen wir bei uns an. Sollte es nicht unser aller persönliches Ziel sein, bei uns selbst anzukommen?

Ich male mir mein Leben in meinen Farben. Denn in dem ich zum Pinsel greife, mache ich mich auf eine neue Reise mit meinen Erlebnissen, Gedanken, Erinnerungen, Hoffnungen und Wünschen.

Qultur-Sternstunde mit Adrian

Vergangenen Samstag, 22. Mai 2021, spielte Adrian Stern zwei ausverkaufte Konzerte im Fabriggli in Buchs. Die Events wurden beide mit dem Slogan «Adrian Stern Solo, herzerfrischender Mundart-Konzertabend» angepriesen. So ganz solo war Adrian Stern aber dann doch nicht, denn er wurde von Jean-Pierre von Dach an der Gitarre begleitet.

Für diejenigen, die kürzlich die Fernsehsendung «Sing meinen Song – das Schweizer Tauschkonzert» gesehen haben, dürfte auch dieser kein Unbekannter sein. Dass die beiden Künstler musikalisch sehr gut harmonieren, war sofort hörbar. Spürbar war aber nicht nur die Harmonie zwischen den beiden, die Sympathie füreinander ist ebenso signifikant gewesen.

Das Konzert eröffnete Stern mit dem Lied «Meer schaffed das» und dies nicht wie gewohnt auf seiner Gitarre, sondern am Klavier. Der Song ist aus seinem neuen Album «Meer» und ist inhaltlich sehr reich, wie es bekanntlich viele Texte des Schweizer Musikers sind. Der Sänger und Songwriter verstand es dabei gekonnt, seine tiefgründigen Texte dem Publikum auf eine herzerfrischende Weise zu präsentieren. Es lohnt sich also genau hinzuhören: «Mir sind im gliiche Boot, aber ufem falsche Dampfer» oder beim Song «Sorge»: «S’neue Ei Fon isch duss, aber s’Alte funktioniert. S’Äpp seit Räge, aber d’Sunne schiint». Seine sonore Stimme hat den ganzen Raum gefüllt. Mit seinem jugendhaften Charme verzauberte er das Publikum vollends, hat dabei aber nicht das hier und jetzt vergessen.

Er erzählte von seinen Töchtern Juno und Mina und auch von der Mail-Konversation zwischen Jean-Pierre und ihm, die dann schlussendlich dazu geführt habe, dass sie heute gemeinsam im Fabriggli auf der Bühne ständen. Adrian hat erzählt, dass sie nervöser seien als sonst, weil sie nämlich schon lange nicht mehr auf der Bühne gestanden seien. Das Konzert war darum sehr persönlich und erzeugte gar eine besonders familiäre Stimmung.

Auffallend war ausserdem der coole Style der beiden Musiker. Ganz besonders Jean-Pierre von Dachs Schuhe waren für mich der Hingucker schlechthin!

Das neue Album «Meer» ist bereits im Februar 2021 erschienen und es findet sich definitiv ein Schuss Humor auf der neuen Musikplatte, was mir sehr gefällt.  Stern hat im Werdenberger Kleintheater auch von seinem Megahit «Amerika» erzählt und erwähnt, dass ihm sogar Menschen geschrieben haben, welche durch das Lied inspiriert wurden und tatsächlich nach Amerika ausgewandert sind. Er selber habe aber doch nur davon gesungen und sei schlussendlich dann  hiergeblieben. Denn: Wer will heute noch nach Amerika? Das Publikum zeigte sich sichtlich amüsiert. Roman Riklin, ein guter Freund von Stern, sei dann aber doch ausgewandert und habe «dä Traum vo eusem Glück» gefunden. Ihm habe er auf dem neuen Album einen Song gewidmet mit eben diesem Titel.  

Beim Konzert im Fabriggli erinnerte sich Adrian Stern für das Publikum an die Fernsehaufnahmen von «Sing meinen Song» und berichtete, dass Jean-Pierre in einer viel schöneren Umgebung proben konnte als die Sänger und Sängerinnen aus der Staffel. Wir haben dann aber vom Gitarristen erfahren, dass er noch nie so hart für sein Geld arbeiten musste und wirklich permanent am Proben gewesen sei. Pro Abend seien nämlich gleich zwei Folgen gedreht worden! Da sei der einladende Pool auf der Anlage definitiv nur schöne Kulisse gewesen. Passend zum Thema spielten die beiden Musiker dann auch noch zwei Songs aus der Sendung. An diesem Konzert hat er sich für das Lied von Ta-Shan mit dem Titel «Bombay Sauce» und anschliessend für «Through your Eyes» von Jaël/Lunik entschieden. Beide Lieder sind in englischer Sprache gehalten und haben das Mundartprogramm von Stern aufgelockert.  Die Version von Stern/Ta-Shan hat frisch und poppig und die Version Stern/Jaël aufrichtig, ungewohnt zart und dann wieder sehr kraftvoll geklungen.

Schlussendlich folgten noch «Zrugg zu mir» mit einem starken Refrain und «Das wünsch i dir». Adrian singt in diesem Song, dass uns das gute Gefühl nie verlassen soll und hat sich mit diesem Lieblingssong seiner Mutter vom Publikum verabschiedet. Bei der Zugabe sind alle 50 Besucherinnen und Besucher nochmals auf ihre Kosten gekommen, denn beim Lied «Ha nur welle wüssa» konnten wirklich jede und jeder von ganzem Herzen mitsingen. Mit diesem Song gelang Adrian Stern im Jahre 2003 übrigens der Durchbruch in der Schweizer Musikszene.

An diesem Samstagabend bin ich mit einem beschwingten Gefühl nach Hause zurückgekehrt, denn ich durfte einen grossartigen Abend mit Adrian Stern verbringen.

An dieser Stelle möchte ich noch ein grosses Dankeschön an das Team vom Fabriggli Buchs aussprechen. Grossartige Musiker wie Adrian Stern so hautnah erleben zu dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Danke dafür!

Nachgefragt bei Markus Büchel

Vor ein paar Monaten war in unserer Region sein Name in aller Munde. Die Schlagzeilen in den Zeitungen lauteten: «Markus Büchel, Abteilungsleiter des Kompetenzzentrums Jugend der Sozialen Dienste Werdenberg, wurde entlassen und freigestellt. Der Buchser Stadtrat ist überrascht über diesen Personalentscheid.» oder «Mich trägt die Solidaritätswelle über diese schwierige Zeit.» Markus Büchel bleibt dem KOJ erhalten – Aufarbeitung der Vorfälle bei den Sozialen Diensten hat begonnen.

Lieber Markus, du hast kürzlich auf Facebook Charlie Chaplin zitiert: «Macht brauchst Du nur, wenn Du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe, um es zu erledigen.»

Was geht dir durch den Kopf, wenn ich das Wort «Macht» ausspreche?

Als erstes fallen mir dazu mehr Fragen als Antworten ein. Warum hat jemand Macht? Und was wird mit dieser Macht gemacht? Wie geht ein Mensch mit einem anderen um? Ist mein Gegenüber empathisch oder eher narzisstisch veranlagt?

Bei der Geschichte um meine ungerechtfertigte Kündigung ging es sicherlich auch um Macht. Schließlich steht und fällt vieles mit der Führungsstruktur.

Ich habe beim KOJ (Kompetenzzentrum Jugend) auch eine «mächtige Position», wenn man es so sehen möchte. Ich habe 15 Mitarbeiter, die ich führen und leiten darf. Mein Führungsstil, den ich schon seit vielen Jahren pflege, ist dass ich Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten biete. Dadurch sind meine Mitarbeiter nicht nur zufriedener, sondern sie sind auch engagierter, weil sie die Möglichkeit haben, sich einzubringen und so auch etwas bewirken zu können.

Auch privat hinterfrage ich heute viel mehr als früher. Meine Frau ist Feministin und inzwischen kann auch ich nicht mehr hinter den patriarchalen Strukturen stehen. Wer legitimiert diese? Männer? Leider ist in dieser Hinsicht vieles veraltet und bedürfte einer Überholungskur. Doch wir sind von unserer Erziehung und Qultur dermassen geprägt, dass wir solche Mechanismen oft nicht hinterfragen und auch wenn es nicht rechtens ist, lassen wir es trotzdem zu.

In der Kindererziehung geht es übrigens auch oft um Macht. Eltern kommen gerade bei diesem Thema an ihre Grenzen. Ich stelle leider fest, dass hier in den letzten Jahren ein Rollentausch stattgefunden hat. Kinder sind in manchen Familien Könige und regieren die Eltern.

Die Netflix Serie «When they see us», die auf einer wahren Begebenheit beruht, erzählt die Geschichte von fünf jungen Menschen im Alter von 14 und 16 Jahren, die unschuldig für mind. 5 bis 13 Jahre ins Gefängnis gesteckt werden. Die Jungs werden beschuldigt, eine 28-jährige Frau geschlagen und vergewaltigt zu haben. Ausser, dass sie sich am selben Abend wie das Opfer und der Einzeltäter im Central Park aufgehalten haben, gibt es keine berechtigten Gründe, die vermuten oder gar beweisen lassen, dass diese «Jugendlichen» etwas mit dem Verbrechen zu tun haben. Und trotzdem wandern sie für viele Jahre ins Gefängnis.

Was hat dich bei dieser Serie bewegt?

Gleich vorneweg ich mag generell Filme, die auf wahren Tatsachen beruhen. Nicht selten beschäftige ich mich länger damit, und zwar in dem ich recherchiere und die Geschichte anderen Menschen weiterempfehle, damit sie, wie ich auch, daraus lernen können. Erkennen, wie Menschen ticken und, wie in diesem Beispiel, dass Unrecht möglich ist und man manchmal einer Situation einfach nur ausgeliefert ist und sich nicht wehren kann.

Die Serie über die «Central Park Five» ist natürlich sehr amerikanisch und trotzdem zeigt sie auf, wie Unmögliches wahr werden kann. Ich meine, das waren wirklich noch Jungs, die grün hinter den Ohren waren, die sich nicht einmal wirklich für Sex interessiert haben und dann wird ihnen so etwas vorgeworfen. Das ist schon harter Tobak!

Es gibt sie heute noch, die klassischen Opfer, die keine Chance haben sich zu wehren. Das beschäftigt mich sehr! Es macht mich ohnmächtig und wütend zugleich. Es motiviert mich aber auch, mich zu engagieren und mich zum Beispiel im Bereich Menschenrechte einzusetzen.

Nach dem ganzen Wirbel im Frühling um meine Person, wurden mir einige Geschichten rund ums Thema Macht zugetragen, die mich aufgewühlt und die mich teilweise für einen Moment sogar sprachlos gemacht haben. Da stellt man sich schon Fragen wie: Was kann ich tun? Wie kann ich persönlich etwas verändern?

Mit dem Einrad Verein mit Sitz in Vaduz, versuche ich zu bewegen. Beispielsweise konnten wir unserem Nigeria Partner Verein in Lagos viel Geld spenden. Dort wurde eine Zirkusschule ins Leben gerufen, die unter anderem auch Einradunterricht anbietet.

In dem wir nicht tatenlos zusehen, sondern uns für andere einsetzen, können wir Veränderung erreichen. Ich glaube darum immer noch an das Gute im Menschen.

Wie gehen junge Erwachsene und Jugendliche mit dem Thema Macht um?

Im Grossen und Ganzen akzeptieren sie Machtverhältnisse so wie sie sind. Sie sind autoritätsgläubig, denn das Erziehungs- und Schulsystem bringt es ihnen so bei.

In der Pubertät ändert sich dies allerdings. Die Autorität im Elternhaus wird hinterfragt. Das war schon immer so und ist heute nicht anders als früher. Was sich geändert hat, sind die Werte. Die Machtumkehr, von der ich schon gesprochen habe.

Die heutige Klimajugend ist angepasst. Es werden demokratische Wege gesucht und nicht mehr gestreikt wie früher. Die 80er Bewegung war da viel fordernder. Mir scheint, die jungen Menschen sind durch die digitalen Medien ruhiggestellt. Global gesehen geht’s uns gut, doch das Angebot im Werdenberg finde ich, gerade was Freestylesportarten angeht, spärlich gesät. Die Gemeinden unterstützen solche Vorhaben meistens nicht, dabei sind sie doch so wichtig.

Die mobilen Skateanlagen in Buchs und in Sevelen beispielsweise haben Jugendliche selber gebaut und geschweisst. Die Begeisterung für solche Projekte ist bei der Jugend gross.

Die Coronapandemie fordert diesbezüglich auch bei jungen Menschen den Tribut. Sie werden durch den Virus nicht unbedingt körperlich krank, ihr Leidensweg ist vielmehr ein anderer. Ihnen fehlt schlichtweg die Perspektive und darum hat auch die Jugenddepression stark zugenommen.

Was für einen Einfluss haben die sozialen Medien deiner Meinung nach?

Sie haben einen manipulativen Einfluss, und zwar einen enorm grossen manipulativen Einfluss und das nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch. Ich bin der Überzeugung, dass die Lobbyisten die grössere Macht haben als unsere Politik. Uns wird eingeredet, dass wir dies und das wollen – genau das ist Manipulation! Wir sind Marionetten im System.

Dein Fazit nach über 25 Jahren Jugendarbeit?

Jugendarbeit ist wichtig. Sie ist und bleibt wichtig. Spannend finde ich, dass gewisse Dinge gleich geblieben sind wie vor 25 Jahren. Die Wünsche und Bedürfnisse der jungen Menschen haben sich nämlich kaum verändert. Ein Jugendtreff wird fast genau gleich wie damals eingerichtet.

Die Gewalt hingegen war vor 25 Jahren in Buchs viel grösser. Statistisch gesehen nimmt sie zwar seit dem Jahr 2015 wieder zu, aber das habe ich, zumindest in unserer Gegend, noch nicht feststellen können.

Es ist schade, dass die Bürokratie im Bereich der Jugendarbeit immer noch so viel Raum und Macht einnimmt und dadurch Gutes hemmt oder fast unmöglich macht.

Was würdest du tun beziehungsweise ändern, wenn du für einen Tag die Weltmacht hättest?

Ich wäre utopisch und würde alle Herrschaftsformen und das Geld abwählen.

Lieber Markus, vielen herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview. Ich wünsche dir alles Gute bei deinen kreativ-sozialen und Mut machenden Projekten – go for it!

Foto: Verein Team Ursli, Vaduz. In der Mitte vorne Markus Büchel.