Die richtige Perspektive

Man sagt den Schweizern gerne nach, dass sie pünktlich und korrekt sind und, dass sie sich in schwierigen Situationen sicherheitshalber lieber einfach mal neutral verhalten. Bei den Italienern beispielsweise behauptet man wiederum fast das Gegenteil. Sie sind meistens unpünktlich, sehr emotional und deshalb oft auch impulsiv. Im Gegensatz zum «Pünktlischisser» lässt der Italiener allerdings eine 5 auch mal gerade sein. Der typische Schweizer ist von Beruf Buchhalter, also übermässig genau und seriös und der Italiener hat (fast schon selbvertüürli) Verbindungen zur Mafia. Willkommen in der Welt der Perspektiven!

Von solchen Stigmatisierungen lebt die Comedy und auch viele Menschen denken in eben solchen Schubladen. Nur die wenigsten sind bereit, immer wieder einmal ihre Denkensweise zu überprüfen. Natürlich, die genannten Beispiele sind etwas überspitzt, doch auch in alltäglichen Dingen finden sich immer wieder Mechanismen der Stigmatisierung. Ich finde es daher überaus wichtig, dass man seine Sicht auf Dinge/Menschen immer wieder neu überprüft, denn schliesslich ist alles immer auch eine Frage der Perspektive. Und diese lässt sich nicht verleugnen. Warum überhaupt hat der Mensch Vorurteile? Nun, weil es dazu immer auch eine Geschichte gibt! Das Problem ist aber, dass Menschen oft gar nicht bereit sind, ihre Perspektive zu ändern.

Perspektive bedeutet ja auch Chance. Wie wundervoll das eigentlich ist, merkt man allerdings erst, wenn man es ausprobiert. Der Mensch jedoch ist ein Gewohnheitstier und darum nicht so leicht davon zu überzeugen. Man sagt nicht umsonst: «Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.» und so bleiben viele lieber bei und mit ihren uralten Überzeugungen, als dass sie einmal über die Bücher gehen würden und daraufhin allenfalls ihre Anschauungsweise ändern.

«Man kann alles aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten,

aber es ist zweifelhaft, ob die Wahrheit stets in der Mitte liegt.»

Stefan Rogal, Autor, Herausgeber und Kolumnist

Ein Beruf, der viel mit Perspektive zu tun hat, ist der des Architekten. Fredy Sutter, Architekt aus Grabs, erklärt dies so: «Im Planungsprozess müssen viele Faktoren berücksichtigt werden. Dabei spielt es keine grosse Rolle, ob es sich um einen Hausbau oder einen anderen Lebensbereich handelt. Auch in Beziehungen und anderen Planungsprozessen sollte möglichst viel abgewogen werden. Beim Hausbau müssen beispielsweise Nutzungsbedürfnis, Konstruktion, Gestaltung und Kostenfaktor aufeinander abgestimmt werden. Man darf nicht einfach nur eins und eins zusammenzählen.

Alle Faktoren sind wichtig und müssen schlussendlich unter einen Hut passen. Bezieht man alles mit ein und bezieht es aufeinander, so kann man vieles optimieren und es können gute Lösungen gefunden werden. Beim Planungsprozess hilft es, alles von verschiedenen Seiten anzuschauen oder sogar zu durchleuchten. Es ist äusserst wichtig, verschiedene Varianten zu erstellen und zu prüfen. Nur so findet man heraus, was am besten passt.» In seinem Beruf darf Fredy Sutter kreativ sein, das schätzt er sehr. «Es braucht auch Offenheit für Neues und ebenso eine gewisse Lockerheit, denn sich von einem Gedanken zu lösen, gehört auch immer wieder dazu. Jedes Haus, jedes Objekt ist ein neuer Anfang. Man kann nicht einfach alles wieder gleich machen wie beim letzten Mal. Natürlich ist ein gewisser Erfahrungsschatz von Nutzen, doch im Beruf wie im Leben steht man immer wieder vor neuen Herausforderungen.

Und was die Perspektive angeht, so stellen sich auch hier einige Fragen. Ihr werdet erkennen, dass man sie nicht nur für den Hausbau gebrauchen kann. Man kann es auch eins zu eins auf Beziehungen umwälzen. Wie schaue ich also etwas oder jemanden an? Von oben herab? Aus der Ferne? Von ganz nah? Und wie stelle ich etwas dar?

Bei der Fotografie kann ich einen Raum viel grösser scheinen lassen, als dass er tatsächlich ist. Das nennt man optische Täuschung. Man stellt etwas dar, was nicht der Wahrheit entspricht.

Ist man einem Objekt oder einem Menschen zu nah, sieht man die Dinge nicht mehr in der richtigen Relation. Es hilft darum ungemein, wenn man zwischendurch auch mal alles aus einer Gesamtperspektive anschauen kann.»

Quellhinweise zu den Bildern:
Glasbilder: Roman Isenmann mit Silas (9 J.)
Orchideenbilder: Roman Isenmann

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