Eine Hommage an die Wut

Wahrscheinlich hat das jeder von uns mindestens schon einmal erlebt: Wir werden physisch und/oder emotional verletzt, die Sachlage ist eigentlich sonnenklar und doch warten wir vergeblich auf eine Entschuldigung. Das quasi emotional sitzen gelassen werden, tut fast noch mehr weh als die Verletzung, die wir erlitten haben.

Durchleben wir doch die Geschichte beziehungsweise dieses Verhalten immer und immer wieder und kommen dann jeweils zum Schluss, dass wir eine Entschuldigung verdient hätten. Diese lässt aber auf sich warten und ganz ehrlich, nur die wenigsten bekommen sie wirklich zu hören – die Worte, die uns so gut tun würden: «Es tut mir leid. Kannst du mir vergeben?»

Ja, auch mir ist das schon passiert, und zwar nicht nur einmal. Dazu müsst Ihr wissen, dass ich ein ziemlich direkter Mensch bin, nicht aber, wenn es um mich selbst geht. Dann bleibe ich meistens still. Eigentlich müsste meinem Gegenüber diese «Nicht-Reaktion» ja auffallen, doch in dieser lauten Welt tut es dies eben nicht. Werde ich also verletzt, so schweige ich. Nicht selten ist es die Wut, die mich nach einer gewissen Zeit aus diesem Koma ähnlichen Zustand erwachen lässt. Meine Wut zwingt mich also zum Handeln. Sie gibt mir die nötige Kraft, die ich brauche, um wieder aufstehen zu können, nachdem ich gefühlsmässig ausgeknockt am Boden lag. Es handelt sich bei meiner Wut in gewisser Weise um eine Art Mut. Wut und Mut sind sich übrigens sehr ähnlich. Man muss nur den ersten Buchstaben umdrehen, schon hat man aus Wut genügend Mut geschöpft. Genauso ist es auch mit der Emotion. Die Wut erschafft in uns eine neue, meist auch sehr starke Energie. Mit Mut kann ich Schritte wagen, die ich mir davor nicht zugetraut habe. Dank der Wut schaffe ich es aus mir herauszukommen und im schlimmsten Fall auch Mal aus der Haut zu fahren.

Inzwischen ist mir die Wut eine verlässliche Freundin geworden. Ich weiss, dass sie mir nur Gutes will, auch wenn sie laut und polternd daherkommt. Die Wut hilft mir zu existieren und mich Selbst nicht aufzugeben. Durch sie habe ich gelernt, zu mir zu stehen und was noch viel wichtiger ist, sie hat mir beigebracht, «STOP» zu sagen, gerade dort, wo ich verletzt werde. Ich muss mir nicht immer alles gefallen lassen. Irgendwann reicht es einfach! Danke, liebe Wut, dass du für mich da bist. Lasse ich mich fallen, kommst du herbeigeeilt und hilfst mir wieder aufzustehen. Zugegeben, manchmal bist du ein richtiger Wirbelwind, aber wohl eher für die anderen als für mich. Du tanzt nämlich mit mir die Schritte zurück ins Leben.

In meinem Buch «Mein Name ist Julia» findet Ihr auch ein Gedicht zum Thema Wut.

10 TAGE

10 Tage
Zeit, die ins Land geht.
Nicht gesprochen, nicht gesehen.
Wieder von vorn beginnen, als wäre nichts geschehen.

Ich berichte dir aus meinem Leben.
Selbst als dir manches banal erscheint, rede ich weiter.
Manchmal reagierst du fremd, so als würdest du mich kaum kennen.
Ich bin irritiert und fühle mich zugleich beschämt.

Vielleicht muss es so sein und du bist gar nicht gemein,
aber vielleicht ist es auch nicht richtig,
denn selbst ich bin ein bisschen wichtig.
Nicht so richtig wichtig, aber halt doch ein bisschen.

Unnötig zu betonen, dass zwei Welten einander gegenüberstehen.
Bin ich die Sonne und du der Mond?
Warum ist mir so heiss
und warum gibst du nichts preis?

Du sagst Dinge, die ich nicht empfinden kann,
und weisst um Gefühle, die ich so nicht fühlen will.
Und niemand weiss, was es für eine Rolle spielt,
ich weiss nur, dass irgendetwas fehlt.

Wie gross du wirst, wenn du die Grenzen absteckst,
als wärst du nicht schon gross genug.
Ich werde wütend und zugleich ernst.
Der Herbst kommt, er ist nicht mehr weit entfernt.

Noch weiss ich nicht, ob wir uns wiedersehen,
auf alle Fälle werde ich die Tage viel spazieren gehen.
Und wenn mir die Wut noch einmal begegnet,
werde ich ihr sagen, dass ich sie verstehe.

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