Heidis Plan von einer Welt

… von einer Welt, in der sie keine Randfigur ist. Selten zuvor ist mir eine so liebenswerte und zarte Frau begegnet wie Heidi. Heidi wirkt auf mich beinahe zerbrechlich und genauso fühle ich mich teilweise auch und deswegen tausche ich mich so gerne mit ihr aus. Ich erzähle also Heidi regelmässig aus meinem Leben und sie berichtet mir von ihrem. Wir sind eigentlich gar nicht so verschieden, Heidi und ich, aber auf den ersten Blick sind wir es für Aussenstehende sicherlich in vielerlei Hinsicht.

Die heutige Kolumne wird meine bisher grösste Herausforderung. Trotzdem scheue ich mich nicht davor. Ich will Euch erzählen, was ich bei meinen Treffen mit Heidi erlebe und fühle. Ich wünsche mir, dass auch ihr nicht aus Angst davor, ins Fettnäpfchen zu treten oder gar aus falschem Respekt den Kontakt mit so besonderen Menschen wie Heidi scheut.

Heidi hat Multiple Sklerose, kurz MS genannt, und das schon seit über 30 Jahren. Tapfer erträgt sie die Krankheit, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und das über Jahre hinweg. Heidi hat aber trotz der Krankheit ein sonniges Gemüt und ist zudem sehr mitfühlend. Habe ich beispielsweise Kopfschmerzen oder wie vor drei Jahren eine geplante Operation am Ohr, so fragt sie mich stets nach meinem Befinden, sie ist offenkundig an meinem Leben und an meinem Wohlbefinden interessiert. Ich hingegen weiss manchmal gar nicht, was ich Heidi fragen soll, denn es ist ja ziemlich offensichtlich, dass es ihr viel schlechter als mir geht. Inzwischen ist es gar so schlimm, dass auch das Rollstuhlsitzen zu anstrengend für Heidi ist.

Vor meinem letzten Besuch hat mich Heidi am Telefon vorgewarnt. Sie hat mir erklärt, dass sie lieber im Bett liegen bleiben möchte, wenn ich sie besuche, das Sitzen im Rollstuhl koste sie zu viel Kraft. Natürlich möchte ich, dass für Heidi mein Besuch wohltuend ist und es ihr danach nicht schlechter geht, und so ist das mit dem «im Bett liegen» für mich selbstverständlich. Ich muss zugeben, dass ich mir im Voraus einige Gedanken gemacht habe. «Wird es Heidi irgendwann wieder besser gehen, oder ist es momentan nur so eine Phase?», habe ich mich gefragt.

Letzte Woche ging ich Heidi in ihrer Wohnung besuchen und nach der herzlichen Begrüssung fragte ich sie, ob ich ihr etwas bringen könne. Ich bemerkte nämlich, dass Heidis Trinkflasche fast leer war und darum wollte ich ihr mit frischem Wasser behilflich sein. Heidi entschuldigte sich sofort bei mir, weil sie mich als ihren Gast nicht gefragt hatte, ob ich etwas zu trinken möchte. Heidi hat normalerweise nämlich Assistentinnen, die sich sehr gut um sie kümmern, aber weil ich zu Besuch kam, benötigte sie deren Unterstützung für eine Weile nicht.

Wir sprachen an diesem Nachmittag sehr offen miteinander. Ich sah ihre Liegeposition: die Beine hochgelagert, Kopf und Rumpf tiefgelagert, so, dass Heidi eigentlich nur an die Decke starren kann. Sofort hatte ich Bilder im Kopf und fragte mich, wie es mir damit ergehen würde und ich sagte zu Heidi: «Wenn ich so daliegen müsste, dann würde ich das nicht einmal zwei Wochen aushalten.» Ich hatte Heidi als Geschenk eine DVD mitgebracht. Diese kann sie aber gar nicht schauen, weil sie keinen Fernseher hat und diese stattdessen am Laptop sitzend zu schauen, ist für sie zu anstrengend.

Heidi wohnt in einer Dachgeschosswohnung und ich begann wegen der fehlenden Möglichkeit einen Film schauen zu können, sogleich Pläne zu schmieden. Als ich Heidi nach wenigen Minuten von meinen Hirngespinsten erzählte, war sie berührt von meiner Fürsorge und ich wiederum entdeckte bei ihr einen fast verlorenen Enthusiasmus. Wir begannen also gemeinsam Ideen für das Projekt «Flachbildschirm mit integriertem DVD-Player an die Decke montieren» zu sammeln und wir waren uns schnell einig, dass gemeinsames Pläneschmieden etwas Grossartiges ist. So fragte ich Heidi, ob ich in meiner nächsten Kolumne über sie schreiben dürfe, und sie hat mir ihre Erlaubnis gegeben.

Liebe Heidi, diese Kolumne widme ich alleine Dir. Du bist KEINE Randfigur, identifiziere dich nicht mit dieser Krankheit, sie beeinträchtigt Dein Leben in grossem Masse, leider, doch sie hat NICHTS mit Deinen besonderen Eigenschaften und Charakterzügen zu tun. Du könntest furchtbar wütend auf Gott sein oder desinteressiert anderen Menschen gegenüber. Du könntest im Selbstmitleid versinken und sehr verbittert sein. Aber Du bist nichts von alledem! Du bist im Geist eine aufgeweckte, intelligente, aufmerksame und sanfte Frau. Würde Dir die Multiple Sklerose nicht einen Strich durch die Rechnung, ja durch Dein Leben machen, würde man all diese positiven Eigenschaften auf den ersten Blick erkennen. Zugegeben, Du bist von der Krankheit gezeichnet und so kannst du Deine positiven Merkmale nicht wie andere offen zeigen, aber sie sind da. Jeder und jede, der sich länger mit Dir unterhält, merkt das auf Anhieb. Darum bist Du sehr wohl eine beneidenswerte Frau und keinesfalls eine Randfigur.

Ich danke Dir von Herzen für Deine Wertschätzung und freue mich auf die Realisierung unseres Plans.

Um unsere Pläne in die Realität umzusetzen, brauchte ich Unterstützung. Mein genialer Mann Peter hat bereits einen Flachbildschirm mit integriertem DVD sowie die Vorrichtung dafür bestellt. Für Heidi werden keine Kosten entstehen und es ist selbstverständlich, dass ich Heidi auch zukünftig mit DVDs versorgen werde. Ich habe eine grosse Sammlung, denn ich liebe gute Filme.

Ich glaube an die Kraft der guten Wünsche, aber noch mehr an die der guten Taten. Lasst Heidi und anderen Menschen, die unsere Hilfe benötigen, für eine Weile zur Hauptfigur werden. Damit machen wir ihnen das grösste Geschenk.

2 Antworten auf „Heidis Plan von einer Welt“

  1. Sehr berührende Geschichte! Hat mich sehr inspiriert für meine Arbeit mit “Randständigen” Menschen sie auch öfters mal eine Weile zu einer “Hauptfigur” werden zu lassen!

    1. Das freut mich sehr, Roman! Schlussendlich ist Aufmerksamkeit ein sichtbares Zeichen von Liebe und Wertschätzung. Das tut jedem gut. Danke dir für den aufbauenden Kommentar.

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